Anzeige
Anzeige
Die Hölle im Paradies
- Details
- Veröffentlicht am Mittwoch, 01. Februar 2012 10:00

Das Leben unter der brasilianischen Sonne - ein Traum für viele Menschen. Hohe Temperaturen, Palmen, Strand und wunderschöne Frauen. Klingt für einen Mann nach dem perfekten Leben. Das Paradies an der Copacabana - für Rodger Klingler wurde es zur Hölle.
Heute steht der mittlerweile 47-Jährige hinter der Theke der S-Bar in Ingolstadt und verkauft Hot Dogs. Fröhlich und sympathisch redet er mit den Kunden. Nichts erinnert hier an seine Vergangenheit, in der er die Hölle durchlebte. In seinem Buch „Ein Kilo Paradies“ erzählt Klingler die Geschichte eines jungen Mannes, der einen Traum suchte und seine persönliche Hölle fand.
Dabei fing alles so gut an. Klingler durchlebte keine einfache Jugend. Als er zwölf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. „Ich entschied mich für meinen Vater, das hat mir meine Mutter nie verziehen. Später habe ich mich auch mit meinem Vater zerstritten“, erklärt Klingler. Mit fünfzehn Jahren zog er dann von daheim aus und begann eine Ausbildung zum Koch in einem fränkischen Restaurant. Das fehlende Umfeld machte die Entscheidung für ihn leichter: „Später als ich meine Ausbildung beendet hatte, hielt mich nichts davon ab meinen Traum zu verwirklichen." Sein Traum: das Leben an der Copacabana. „Dieser Gedanke von der Copacabana war stets in meinem Kopf verhaftet. Ich konnte dort wirklich ein neues Leben beginnen!“ Ein neues Leben, dass sich zunächst wirklich traumhaft gestaltete. „Sonne, Meer, Frauen – das hat alles gepasst“, schwärmt Klingler heute noch.
Doch sollte aus dem Traum so langsam ein Alptraum werden. Nach etwa neun Monaten in Brasilien rutschte Klingler immer mehr in die Drogenszene hinein. „Ich hatte vorher nie Kontakt mit den Drogen. Es ist mir von außen herangetragen worden“, betont er. In seinem Buch berichtet er wie folgt: „In meinem Kopf hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits der Teufel eingenistet und mir ein abenteuerliches Leben in Saus und Braus vorgegaukelt. Woher aber hätte ich wissen sollen, auf was ich mich da einlassen würde? Die Wirkung von Kokain war jedoch so überirdisch schön, ja – göttlich!“ Irgendwann fasste er den Entschluss, ein Kilo Kokain nach Deutschland zu schmuggeln, um sich nicht mehr als Koch abrackern zu müssen. Den Rückflug buchte er für Weihnachten 1984, doch letztendlich gab es einen entscheidenden Fehler. Nachdem die eingenähten Päckchen in seiner Jacke gefunden wurden, hätte er den Zollarbeiter bestechen können, doch dazu fehlte ihm das Geld.

Klingler am ersten Tag in Rio de Janeiro an der berühmten Statue Monumento Cristo Redentor.
„Wenn man noch auf zwei Beinen das Zimmer verlassen konnte, war das großes Glück“, betont Klingler in seinem Buch bezüglich der Behandlung der Flughafen-Polizei.. Mit ihm ging man glimpflich um, obwohl auch er Faustschläge und Tritte bekam. Nach einiger Zeit wurde er nach Agua Santa verlegt – ein Hochsicherheitsgefängnis in welchem er satte neun Monate auf seine Verhandlung warten sollte. „Man muss daran denken, dass Brasilien zu dieser Zeit im Umbruch war von einer Militärdiktatur zur Demokratie. Während diesem Prozess gab es ein Vakuum, in welches verschiedene politische Gruppen gestoßen sind. Sie dominierten die Gefängnisse, allerdings führte dies eben auch zu Aufständen und Revolten“, erklärt Klingler. Mit 50 anderen Gefangenen lebte Klingle zusammen auf 30 Quadratmetern. Es gab weder gutes Essen, noch gab es für Kranke überhaupt Medikamente, was Klingler selber beinahe zum Verhängnis wurde. Doch wurde er von einem Gefangenen gerettet, der den Wärter bestechen konnte und so an Antibiotika kam. Mit seinem Lebensretter Alois, einem Holländer, verstand sich Klingler. Doch war dies eine Ausnahme: „Ich habe mich nirgends eingeschleimt und hatte nur zu wenigen wirklichen Kontakt.“ Ein späterer Fluchtversuch der beiden, der von Alois geplant wurde, misslang. Während all dieser Zeit im Gefängnis lernte er perfekt Portugiesisch zu sprechen, was ihn bei Brasilianern beliebt machte und so auch bei anderen Gefangenen.
Am schlimmsten wurde es, wenn es zu Gefängnisrevolten kam. „Die Polizei greift erst nach einer guten halben Stunde ein und schießt auf alles, was sich bewegt. Die Gefängnisse sind nur von außen bewacht, die Gefangenen überlässt man sich selbst. Waffen sind natürlich an der Tagesordnung. Da steht man als Unschuldiger plötzlich mittendrin und muss Angst haben, den Tag nicht zu überleben. Da war es fast ein Normalfall, über Leichen zu laufen oder das neben dir jemand erschossen wird“, erinnert sich Klingler an die dunkelsten Tage im Gefängnis. Besonders enttäuschte Klingler das deutsche Konsulat: „Da wurde kein Finger für mich krumm gemacht. Lediglich etwas Geld habe ich bekommen, um welches ich auch noch auf Knien betteln musste. Mir wurde nur gesagt, dass ich Deutschland befleckt hätte.“
Ich habe mir immer gesagt: Hier kann alles passieren, nur ich bleibe ich – ich bleibe, wie ich bin.
Nach insgesamt vier Jahren in den Gefängnissen Agua Santa, Galpao und Lemos de Brito, wurde Klingler entlassen und kehrte nach Deutschland zurück. Zuerst nach Nürnberg, wo er durch Arbeit und eine neue Ausbildung allmählich wieder in ein normales Leben zurückkehrte. Später dann zog er wegen seiner jetzigen Ehefrau nach Ingolstadt, wo er nun seit sechs Jahren lebt. Trotz all dieser Erfahrungen und Erlebnisse ist Klingler geblieben wie er vor dem Gefängnis war. „Man ist wie man ist – auch im Gefängnis. Ich habe mir immer gesagt: Hier kann alles passieren, nur ich bleibe ich – ich bleibe, wie ich bin. Man ist eben eine Persönlichkeit und behält sich seine gewissen Eigenschaften oder nicht“, findet Klingler und spricht aus voller Überzeugung. Verändert habe er sich aber doch ein wenig: Er sei verroht und sei nun viel demütiger. Verständlich nach all dem, was er gesehen hat. Aber dennoch sagt Klingler, dass es nichts zu bereuen gäbe. „Eine solch negative Geschichte kann einen danach trotzdem auch weiterbringen und größer machen. Auch im dunkelsten Loch kann man Licht sehen – man muss es nur erkennen“, betont der 47-Jährige und fügt gleichzeitig noch hinzu: „Natürlich war es ein Fehler, aber ich bin trotzdem stolz darauf, diese Geschichte weitererzählen zu können und viele Leute so auf eine andere Welt aufmerksam machen zu können. Ich versuche Horizonte zu zeigen, die man sonst nicht überschreitet.“

Rodger Klingler (rechts) in der Gefängnisbücherei, in welcher er arbeitete.
Aber auch in kürzerer Vergangenheit wurde Klingler immer wieder mit unangenehmen Geschehnissen konfrontiert. Nachdem vor sieben Jahren die Idee zum Buch reifte und der Roman letztendlich erschien, meldete der Verlag nur zwei Wochen nach Buchveröffentlichung Insolvenz an. Für Klingler erneut eine Enttäuschung, der dieses Buch nicht aus Selbstdarstellung, sondern wegen der Geschichte schrieb: „Die Geschichte ist definitiv erzählenswert, ich bin dabei nur ein Statist.“ Sogar ein Drehbuch hat Klingler bereits angefertigt. „Es ist mein großer Traum, diese Geschichte auf der Leinwand zu sehen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, das trifft auch hier zu.“ Noch sucht er einen Produzenten, der seinen Traum auch wirklich auf die Leinwand bringt.
Was aus Rodger Klingler geworden ist, ist bemerkenswert und verdient allergrößten Respekt. Ein Mann, der durch die Hölle ging, und trotzdem die Lebensfreude und seine Grundwerte wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Hilfsbereitschaft nie verloren hat. Ein Mann, der seinen Traum von einem Film weiter ehrgeizig verfolgt. Jeden Traum habe er sich bisher erfüllt und meint deswegen: „Menschen, die keine Träume haben, tun mir leid.“ Welch starke Worte, von einem Mann, dessen Traum sich in einen wahrhaftigen Alptraum verwandelte.

Ein Foto vom ersten Tag in Brasilien - zugleich das Titelbild seines Buches.
Das Buch „Ein Kilo Paradies“ ist unter der Mail-Adresse This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. für elf Euro erhältlich.
(kr)