Anzeige
Anzeige
Claudias Welt: Castingwahn
- Details
- Veröffentlicht am Donnerstag, 02. Februar 2012 07:48

Heute startet die neue Kolumne von Claudia Richarz-Götz: Claudias Welt
„Egal, wie das hier ausgeht, ich mach sowieso meine eigene Platte.“ Percival strotzt Coolness in die SAT.1 Kamera, kurz bevor er ganz „Beautiful“ Deutschland davon überzeugen möchte „The Voice“ für´s Halbfinale zu werden. Er hat es verkackt. Seine Votinghotline glühte leider nicht genug, um weiter zu kommen. Deutschland will ihn nicht. Coach Rea Garvey Un-fucking-fassbar auch nicht. Der Meister Proper auf Extasy legt telegen noch cooler vor: „Jetzt kann ich eben früher mit meiner Platte anfangen, schon morgen.“ Wenn Deutschland ihn nicht will, sein eigener Coach ihn nicht (mehr) will, wer will dann übermorgen seine Platte?, frage ich mich. Ist aber auch egal, denn die riesigen Heerschaften an Casting-Sieger, die Deutschland wirklich wollte, sind auch schon längst im Lala-Land untergetaucht. Da hilft auch kein „Believe“-Befehl von Poptitan Dieter Bohlen, den seine Jury-Kollegen Bruce Darnell und Natalie Horler (kennen Sie doch?) sofort umsetzen, wenn beim DSDS-Casting schon mit Eintritt in den Raum Vollpfosten-Alarm ausgelöst wird. Gut, der geneigte Casting-Show-Fan könnte bereits vorgewarnt bis hellseherisch sein, wenn der kleine eingespielte Portrait-Film den Protagonisten vorab beim Pinkeln in den Rhein zeigt … lustig ... inklusive entsetzter Vergnügungsdampfer-Gäste. Dann ist klar: Auch mit einem zum Himmel gebeteten „Believe“ und dem stärksten Glauben an sich selbst, wird hier gerade ganz sicher kein neuer Superstar geboren, sondern nationales funny Fremdschämen (neue Casting Wortkreation). Stefan Raab sucht aktuell den Star für Baku, Franken sucht den Supernarr, Heidi ohne Seal ist auch schon wieder mit ihrer Modellupe im Anmarsch und wir? Was können wir aus diesem Castingwahn eigentlich für´s Leben lernen? Mal gewinnt man und mal verliert man. Das, was tröstende Nostalgie-Weisheit unserer Großmütter ist, haben uns das Leben und das Lottospielen schon längst beigebracht. Dazu brauchen wir keine heulenden Models oder noch schlimmer, bornierte Bachelors. Man merkt, dass auch Alice Schwarzer nicht mehr die Allwissende ist, wenn bei dieser frauenfeindlichen RTL-Beischlafsuche für dämlich grinsende Sixpack-Blondschöpfe (immerhin hat der Arme schon früh seine Eltern verloren) nicht schnappartig ihr emanzipiertes Mundwerk in Aktion tritt. Da lobe ich mir doch „Bauer sucht Frau“, weil da wenigstens noch völlig plausibel ist, dass diese manchmal großnasigen oder auch kleinwüchsigen, irgendwie putzigen Kommunikations-Krüppel TV-Unterstützung dringend brauchen. Frauen hängen noch dazu in deren meist trostlosen Gegenden auch nicht einfach so über´m Schweinestall-Zaun. Das läuft getrost unter Nachhilfe. Geben wir unseren Kindern ja auch, wenn es in Mathe nicht klappt. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zum Herzen findet.“, taugt aber ebenfalls leider nicht als neue Casting-Lernlektion, denn das wusste schon Friedrich Schiller vor Jahrhunderten. Ich habs: Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Auch nicht neu, aber darin können wir alle doch noch besser werden. Genau das lernen wir aus Casting-Shows. Betonung liegt auf „trotzdem“. Eben trotzdem Platten machen. Oder trotzdem Katzenberger-Freundin werden. Oder genau deswegen im australischen Dschungel campen. Denn genau dort finden wir die von Deutschland gewollten Sieger früher oder später wieder. Und die verdienen dann richtig Kohle mit dem „Hilfe, ich bin ein (Casting) Star. Holt mich hier raus!“ Und Sie werden doch Un-fucking-fassbar anrufen, oder? Sie wollen doch diese verdammt geile Karre, die sich all die Fernsehsender mühsam aus den Rippen schwer verdienten Voting-Millionen schnitzen? Ja, sie wollen das. Sie wollen des Deutschen (aller)liebstes Kind: das Auto. Sie können ja schon mal mit zukünftigem Voten üben, wenn Ingolstadt wieder auf dem Pfingstvolksfest sein „next Trachtenmodel“ sucht. Die Hallertau hat ihr Gesicht für dieses Jahr schon gefunden, da sind Sie zu spät dran. Warum gibt’s da eigentlich keine Autos zu gewinnen? Ach wurscht, machen Sie trotzdem mit! Sie wissen ja, Humor ist ….