Bewaffnete Senioren - zölibatäre Reflexe

Eine freche Brigitte Fuchs und begeisternde Autoren bei der Turmschreiberlesung.

Ja, es flossen Tränen. Aber keine Tränen der Trauer, sondern intensive Lachtränen. Aus 2600 Augen im Festsaal des Stadttheaters. Drei Turmschreiber waren Schuld an diesem Tränenfluss. Aber der Reihe nach.

Zum Bayerischen Defiliermarsch (Musik: Martin Ott und seine Musikkapelle) wurde zu Beginn des fröhlichen Abends eine echte Frohnatur auf die Bühne geholt: Brigitte Fuchs, Ingolstädter CSU-Urgestein und Organisations-Muli-Talent, begrüßte die Gäste im voll besetzten Saal zur mittlerweile 18. Lesung mit Mitgliedern der Münchener Turmschreiber. Die „frechen“ Worte der langjährigen dritten Bürgermeisterin sorgten schon vor der eigentlichen Lese- (und Schauspiel)runde für zahlreiche Lacher (ausgenommen vielleicht bei einer Ingolstädter Tageszeitung). „Die beiden begehrtesten Junggesellen der Stadt sind vergeben,“ analysierte Brigitte Fuchs und meinte damit OB Alfred Lehmann und Unternehmer Leopold Stiefel, denen sie zur Hochzeit im vergangenen Jahr gratulierte. Und sie betonte, wie erfolgreich die „Einbürgerung“ verlaufen sei: „Unser OB ist aus Quickborn und wir haben ihn intergiert.“ Apropos: die Lebensgefährtin von Hans Süßbauer (CSU Kreisvorsitzender) sei auch nicht von hier, er habe deshalb einen Dolmetscher dabei. Dem Bundestagsabgeordneten Reinhard Brandl legte sie nahe, mit ihr zum Landwirtschaftsball zu gehen, aber ein bisschen mehr als Foxtrott sollte er dann schon können. Und Klinikums-Geschäftsführer Heribert Fastenmeier von der Turmschreiber Lesung zu kennen, brächte vielleicht den Vorteil, im Fall eines Falles im Klinikum nicht auf dem Gang liegen zu müssen. Doch damit nicht genug: dass sich keine Stadträte in der ersten Reihe befänden, habe seinen guten Grund: „Wenn wir ein Wahljahr haben, kommen sie weiter vor.“ Und dann waren auch noch die Parteifreunde Joachim Genosko und Albert Wittmann dran. Die wollten am Samstag zum Skifahren: „Der Albert kann Skifahrern, elegant, schnell, sportlich. Aber der Genosko fährt auch mit. Irgendwo sind denen die Schneeraupen ausgegangen.“ Abschließend begrüßte Brigitte Fuchs noch die Pressevertreter: „ich begrüße espresso, die Neuburger Rundschau, Blickpunkt ….“ Ganz zum Schluss kam dann doch ein kurzes „DK“. Die „Solaranlagen-Affäre“ lässt grüßen...

Alte Männer füttern keine Enten

Mit den Turmschreibern Helmut Eckl, Maria Peschek und Josef Fendl (83 Jahre und voller Wortwitz und Tatendrang!) legten dann drei wunderbare Vertreter bayerischen Humors so richtig los. „Wenn die alten Frauen Enten füttern, leben die alten Männer nicht mehr,“ sinnierte Helmut Eckl, der das Thema Alter in den verschiedensten Varianten anpackte. Bis hin zum Rentner, der sich eine Waffe zugelegt hat, um den ersten erschießen zu können, der „Alter“ zu ihm sagt. Auch das Aufeinandertreffen mit der 77-jährigen Isarnixe war ein herrliches Vergnügen für die Zuhörer, ganz zu Schweigen vom Blick in die Bluse einer Dame:

Maria Peschek, Autorin, Schauspielerin und Kabarettistin, philosophierte auf bayrisch direkte Art über das richtige Schenken. Eine sprechende Waage beispielsweise sei da nicht unbedingt geeignet, meinte sie in der Rolle der Paula Pirschl, die schließlich meint: „Die Camilla is a so am Scherb´m“ Und ihr Vorschlag, Oma-Kindergärtnerinnen für die zwischenmenschliche Komponente einzustellen, stieß beim Publikum auch auf Begeisterung, „denn um das Gebastel und die Vorbereitung auf´s Abitur können sich ja die jüngeren Erzieherinnen kümmern.“

Dass sein letzter Besuch bei der Turmschreiberlesung in Ingolstadt vor fünf Jahren eben nicht sein letzter war, freute nicht nur Josef Fendl, sondern auch das Publikum. Mit seinen spitzfindigen, bösen und humorvollen Legenden, Kalendergeschichten und lyrischen Texten, immer gespickt mit ein bisschen Latein und jeder Menge Dialekt, begeisterte er das Publikum. Einen „zölibatären Reflex“ gibt es wohl nur bei ihm, der die „brevitas bavariae“, also die „bayrische Kürze“, perfektioniert hat. Seine Sprüche sind schon eine eigene, literarische Kategorie für sich: 'Schad, daß d net dagwesn bist, wia mei Stadl abbrennt is, ' hat dersell Bauer zum Feuerschlucker im Zirkus gsagt, 'da hättst di vollfressn könna!'  In der Pause hatte der 83-jährige Autor dann auch alle Hände voll zu tun, Bücher zu signieren, denn seine Werke waren als humorvolles Andenken an einen vergnüglichen Abend sehr begehrt.

Blumen vom „Süßi“

Am Ende trat Hans Süßbauer ans Mikrofon und dankte Brigitte Fuchs für die Organsiaton. Wie jedes Jahr habe er nicht gewußt, was er ihr schenken solle -deshalb seien es wieder Blumen. Die nahm Brigitte Fuchs vom „Süßi“ (jetzt ist der parteiinterne Spitzname raus!) gern entgegen, aber nicht ohne zu betonen, dass sie der Gärtnerei Zitzelsberger schon Bescheid gesagt habe, welche Farben zu ihrem Dirndl passen würden. Herzlichen Dank für einen außergewöhnlichen Abend! (ma)

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