Notizen aus der Provinz (24)
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- Veröffentlicht am Freitag, 08. Juni 2012 09:19

(msc) Ich hatte eigentlich immer ein positives Bild von den Amerikanern. Immerhin verdanke ich ihnen meine erste Begegnung mit einem Kaugummi. Damals, in der so genannten Besatzungszeit in den 50er Jahren. Da bog immer mal wieder ein schmucker Panzer dröhnend um die Ecke. Und wir Kinder standen am Straßenrand, während der Panzer stoppte und oben aus der Klappe zuerst ein Helm hervor lugte und dann ein Kopf, der so dunkel war, wie man ihn als wohl erzogenes deutsches Kind bis dahin eigentlich nur aus den Geschichten von Wilhelm Busch kannte. „Es wohnte da ein schwarzer Mann, der Affen fing und briet sie dann, besonders hat er junge gern, viel lieber als die ältern Herrn.“
Meist flogen dann Kaugummi und Schokolade zu uns herüber. Weswegen wir auch unser von Wilhelm Busch geprägtes Weltbild zumindest teilweise revidierten. Unsere ganze Sympathie in jener Zeit gehörte den Yankees. Ob schwarz, ob hell. Hauptsache Kaugummi. So ist der Mensch.
Aber das, was da in Guantanamo abgeht, erschüttert mein Weltbild wieder einmal. Ich habe spontan aufgehört, Kaugummis zu benutzen, seit ich weiß, dass die Gefangenen dort mit Musik gefoltert werden. Ja, kam in den Nachrichten. 18 Stunden lang die Musik aus der Sesamstraße. Da gestehts du alles. Gut, wer in Ingolstadt jemals das zweifelhafte Vergüngen hatte, einer vierstündigen Stadtratssitzung beizuwohnen, dem können derartige Foltermethoden kaum etwas anhaben. Eine jener geschliffenen Grundsatzreden von Ulrich Bannert auf das ungeschützte Ohr und du bist bereit, an Eides statt zu versichern, die Französische Revolution ausgelöst zu haben.
Stellen Sie sich nur mal vor – nur so aus Spaß – jemand würde Ihnen Achim Werners Einlassungen zur Ingolstädter Haushaltspolitik immer und immer wieder in den Gehörgang hämmern. Das ist ja schon ohne da capo die reine Folter. Aber ausgerechnet die Sesamstraße, eine Kindersendung? Für einen Schanzer schwer vorstellbar, was daran so schrecklich sein soll.
Da gibt es doch wirklich Schlimmeres. Eine Oper von Johann Simon Mayr beispielsweise. Die verstößt doch wohl eher gegen die Menschrechtskonvention als die Sesamstraße. Oder ein Song von Bonfire. Wir Schanzer hätten da schon was zu bieten auf musikalischem Gebiet, um sogar Taubstumme in den Wahnsinn zu treiben. Und selbst, wenn die Musik versagt, könnten wir als Foltermethode immer noch eine szenische Lesung von Marieluise Fleißers „Pionieren in Ingolstadt“ anbieten. Das stehen die wenigsten durch ohne bleibende psychische Schäden davon zu tragen.
Apropos Musik. Es soll sogar Fälle geben, da selbst ein Musiker sich von Musik gefoltert fühlt. Wirklich. Also wenn man einen klassischen Pianisten beispielsweise mit den absonderlichen Klängen eines keyboardenden Alleinunterhalters konfrontiert, dann kriegt der eitrige Pusteln. Oder aber Sie lassen einen Schlagzeuger in die Felle hämmern, da dreht Ihnen jeder Geiger ab und neigt im schlimmsten Fall sogar zur Einreichung einer Sammelbeschwerde. Ich fürchte, jetzt habe ich doch tatsächlich etwas durcheinander gebracht. Ist der nun Geiger und wohnt in der Humboldtstraße oder heißt er Humboldt und wohnt in der Geigerstraße? Oder heißt er gar Geiger? Ich glaube, so wird eher ein Schuh draus. Denn die Geigerstraße wäre doch zu weit weg vom Haus am See, dem Guantanamo des kleinen Mannes, wo Wildschweine und fliegende Regenwürmern gefoltert werden, mit Musik.
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