Göttliches Spielzeug 2.0

(ma) Pacman und Co. erleben ihr Comback mit Pandora´s Box aus Ingolstadt.

Die Büchse der Pandora – wer sie öffnet, der kann was erleben! In der griechischen Mythologie hat Göttervater Zeus besagte Büchse jener Pandora geschenkt. Wäre es die „Büchse“ aus dem Jahr 2012 gewesen, dann wäre daraus kein Unheil hervorgegangen, sondern sie hätte die „mythologischen Helden“ der Computergeschichte entfesselt. Ganz nach dem Motto: Pacman statt Pandora (die im übrigen aber auch eine künstlich erschaffene Frau war!). Der moderne Held, der die Herkulesarbeit der Pandora-Entwicklung bewältigt hat, heißt Michael Mrozek. Eine gewisse Parallele zum Helden der Antike ist durchaus gegeben: Während der griechische Herkules stets das Fell des unbesiegbaren nemëischen Löwen bei sich getragen hatte, brauchte der Ingolstädter Pandora-Entwickler vor allem ein dickes Fell. Eines, das die Abwehrkräfte gegen Rückschläge technischer und finanzieller Art stärken sollte. Und die Pandora, ein „Zauberkasten“ auf Linux-Basis, hat mit der mythologischen Büchse durchaus einiges gemeinsam: Die Büchse der Pandora hat in der Sagenwelt der alten Griechen den Menschen schließlich auch die Hoffnung gebracht. „Ich habe das komplette Unheil erlebt und doch die Hoffnung nicht verloren,“ erklärt Michael Mrozek. Es hat sich gelohnt: nach ersten Presseberichten über den Mini-PC gingen sofort jede Menge Bestellungen ein. Die „Büchse“ mit dem High-Tech-Innenleben begeistert vor allem auch Spielernaturen, die ihre eigenen Games entwickeln möchten. Doch bis zum „Verkaufsschlager“ war es ein langer, steiniger Weg, der sogar von Naturgewalten versperrt worden war.

„Jetzt kann nichts mehr passieren, außer ein Vulkan bricht aus. Das ist dann auch passiert!“

Zusammen mit Craig Rothwell, einem Spezialisten für Retro- und Homebrewfähige Geräte und dem Hardware-Experten Michael Weston hatte Michael Mrozek die Idee eines Handgeräts (Handheld) für Computerspielefans entwickelt. Mit Hilfe weiterer Profis und einer sehr aktiven Internet-Community wurden Gehäuse, Betriebssystem und Co. perfektioniert, schließlich war Anfang 2008 auch der Name für das Mischwesen aus Mini-PC und Spielekonsole gefunden: Pandora sollte es heißen, schließlich lässt es sich wie eine Büchse öffnen. So weit, so gut. Eigentlich sollten die ersten Pandoras Ende 2008 ausgeliefert werden. Eigentlich. „Es ist alles schief gelaufen, was schief laufen kann“, schmunzelt der Geschäftsführer der Open Pandora GmbH. „Deshalb habe ich inzwischen eine sehr hohe Schmerzgrenze.“ Heute kann er über seine „prophetischen“ Fähigkeiten lachen. So erklärte er bei einem Vortrag auf der Computermesse CeBit 2010 : „Jetzt kann nichts mehr passieren, außer ein Vulkan bricht aus.“ Genau das tat der isländische Vulkan dann auch und legte zwei Monate nach der CeBit den Flugverkehr weltweit lahm. Die Folge: wichtige Komponenten der Pandora konnten nicht rechtzeitig geliefert werden. Überhaupt – der Teufel steckt im Detail, das musste auch das Team um Michael Mrozek erfahren. So erwiesen sich die am Anfang verwendeten Kabel als nicht strapazierfähig genug, um das Öffnen und Schließen der Pandora auf Dauer mit zu machen: „Zu Beginn waren wir einfach noch zu unerfahren, was bestimmte Komponenten betraf.“ Dezember 2010. Endlich sah es so aus, als könne man mit dem handlichen Hosentaschencomputer in die Serienproduktion gehen. Doch dann der nächste Rückschlag: 25 % der Boards, die in einem Werk in Texas gefertigt wurden, waren defekt. Ein Desaster, durch das nicht nur ein materieller, sondern vor allem ein erheblicher finanzieller Schaden entstanden ist. „300 000 Euro Materialschaden waren zu beklagen, dazu kam der immense Lieferausfall. Schließlich hätten wir schon Pandoras für Millionen Euro verkaufen können.“ Das investierte Geld war weg, das ganze Projekt stand auf der Kippe und einer der „Pandora-Väter“ überlegte ernsthaft, alles hinzuschmeißen. Michael Mrozek aber konnte das Projekt, in dem so viel Arbeit und Liedenschaft steckte, nicht einfach aufgeben. Und so suchte man ein Werk in Deutschland, das die Pandoras produzieren konnte und Investoren, die das Projekt finanziell unterstützen sollten. Nicht Göttervater Zeus erzeugt nun die Pandoras, sondern die Firma Global Components in Oberhaching. „Es können pro Woche 250 Stück hergestellt werden und das in bester Qualität,“ freut sich Michael Mrozek.

Die Pandora weckt den Spieltrieb

Jeder, der schon mal mit diversen Spiele- oder PC-Systemen zu tun hatte, kennt das Problem. Es gibt immer Funktionen, die das eine System hat, die aber beim anderen fehlen, das wiederum andere Funktionen vorweisen kann, die man dann doch gerne auch auf dem anderen Computer hätte und überhaupt. Ganz zu schweigen von der Software, die im System A wunderbar läuft, auf System B aber gar nicht installiert werden kann. Pech gehabt. Michael Mrozek, der mit Computerspielen und Konsolen aufgewachsen ist und hunderte Spiele aus diesen Pionierzeiten bei sich zu Hause aufbewahrt, findet genau das sehr Schade. „Die Hersteller schränken die Möglichkeiten immer mehr ein, man kann kaum noch etwas selbst machen. Wer zum Beispiel einen Apple Computer nutzt, kann nur Apple Produkte installieren.“ Warum also nicht eine Mischung aus Konsole und PC entwickeln, die einerseits die „normalen“ Anwender glücklich macht, die es den Tüftlern aber auch erlaubt, selbst Hand anzulegen? „Die Pandora, die auf Linux basiert, lässt es zu, auch andere Systeme drauf zu spielen. Wer will, kann sogar selber den Quellcode des Betriebssystems ändern“, erklärt Michael Mrozek, der unter dem Namen „EvilDragon“ in diversen Internet-Communities aktiv ist. Das Austauschen von Knowhow und Ideen ist auch ein wichtiger Bestandteil der Pandora-Idee. In einem eigenen Forum unter www.openpandora.org entwickeln die Mitglieder gemeinsam neue Spiele oder Programme. Da hat sogar schon manch ein Papi für den eigenen Nachwuchs ein Game oder Lernprogramm maßgeschneidert. Überhaupt: diese „Büchse“ hat etwas generationsübergreifendes, denn auf ihr können Klassiker wieder gespielt werde, die einst auf dem C64, dem Amiga oder der Atari-Konsole für Begeisterung sorgten. Eine gute Spielsteuerung war den Pandora-Entwicklern deshalb auch ganz wichtig, denn mit einem Touchpad könne man einfach nicht vernünftig spielen. „Viele unserer Kunden haben gesagt, das sei die beste Spielsteuerung, die sie bisher hatten.“ Der Akku hält 12 aktive Stunden durch, auf Standby sind es sogar 200 Stunden. Und über das Spielen ist die „kleine Box“ auch schon längst hinaus, denn die Pandora hat sich zu einem Handtaschen tauglichen Linux-PC entwickelt, mit dem man Texte schreiben, Musik hören, Videos anschauen und im Internet surfen kann. „Es hat sogar schon jemand eine Fernsteuerung für einen Quadrocopter draus gemacht.“ Der Preis für den kleinen Alleskönner liegt bei 440 Euro, in Kürze kommt die dritte und bislang flotteste Pandora Variante mit 1 GHz Prozessor auf den Markt. Und sie ist bereit, noch mehr Menschen in ihre Bann zu ziehen. Das hätte sicherlich auch Zeus gefallen. (Infos: www.openpandora.org.)


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