Wenn Winterkorn das Gas einstellt

(msc) Beim größten Umbau der VW-Unternehmensgeschichte kommt auch der Audi-Vorstand kräftig unter die Räder.

Vorsprung durch Technik. Wie vollmundig Audi diese zentrale Werbebotschaft auch in Fernsehspots verkünden mag, so ganz scheint man vom Realitätsgehalt des Slogans nicht mehr überzeugt zu sein. Weder in Ingolstadt noch in Wolfsburg. Kritische Stimmen mehren sich aber nicht nur intern. Vor diesem Hintergrund scheint die Entscheidung des Aufsichtsrates, den Audi-Entwicklungschef Michael Dick vor der Zeit „auszumustern“, nachvollziehbar. Mit ihm müssen auch Peter Schwarzenbauer und Ulf Berkenhagen im Zuge einer groß angelegten Rochade beim VW-Konzern ihren Sessel räumen. In den Reihen der Audianer stößt weniger der Personalwechsel an sich auf Kritik, als vielmehr der Stil, wie man beim Premiumhersteller Audi mit so verdienten „Soldaten“ wie Michael Dick umgeht.

Ob es nun den Tatsachen entspricht, dass er von seiner geplanten Auswechslung aus der Zeitung erfahren hat, wie man bei Audi munkelt, mag dahingestellt bleiben. Fakt ist, dass er mit Modellen wie dem A4, dem A5 und dem A6 die Marke Audi deutlich nach vorne gebracht hat. Was man in Fachkreisen diskutiert ist dagegen die Frage, ob er die über den klassischen Fahrzeugbau hinausgehenden Visionen hat, die man einem Wolfgang Dürheimer nachsagt. Und auch intern hört man allenthalben, dass man es zwar überaus bedauere, dass
Michael Dick abgelöst wird, der bisherige Bentley- und Bugatti-Chef Wolfgang Dürheimer (53) indes sei „ein ganz anderes Kaliber“.

Der nicht unumstrittene Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht Audi gestärkt aus dem Vorstandswechsel hervorgehen. „Die bisherige Innovationsmüdigkeit könnte behoben werden“, meint der Leiter des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen.Seiner Einschätzung nach habe Audi in den vergangenen Jahren weder beim Leichtbau noch bei neuen Antrieben entscheidend punkten können. Und an der Ettinger Straße hört man bei Weitem nicht nur Widerspruch, wenn man den Namen Ferdinand Dudenhöffer nennt.

Vorstandschef Rupert Stadler bemüht einen Vergleich aus dem Rennsport zur Erläuterung der personellen Veränderungen: „Bei Audi geht es in den nächsten Monaten um drei Fahrerwechsel im Vorstandsteam: Michael Dick, Peter Schwarzenbauer und Ulf Berkenhagen.“ Entwicklungschef Michael Dick, seit 35 Jahren für Audi tätig, habe an der Spitze der Technischen Entwicklung allein in den vergangenen rund fünf Jahren mit 15 zusätzlichen Modellen eine eindrucksvolle Produktoffensive vorangetrieben und mit seiner Mannschaft einzigartige Automobile und wegweisende Innovationen entwickelt. „Er führte Audi auf die Pole Position, mit Serienautos und auf der Rennstrecke.“

Seinen Nachfolger Wolfgang Dürheimer „erwarten große Herausforderungen in einem immer härter werdenden globalen Wettbewerb. Es gilt, den Übergang in das neue Zeitalter der Mobilität zu gestalten und Themen wie Leichtbau, Effizienz und Vernetzung voranzutreiben.“ Das oder präziser gesagt der Bessere ist der Feind des Guten. Auf diese sprichwörtliche Formel könnte man sich wohl verständigen, was die personellen Wechsel an der Spitze von Audi betrifft. Bei der Neubesetzung des Entwicklungsressorts ebenso wie beim Wechsel an der Spitze des Vertriebes.

Denn auch Vertriebschef Peter Schwarzenbauer, der als untadeliger Manager gilt und nun in der Tat hervorragende Zahlen vorzuweisen hat, ist wohl Opfer eines vermeintlich besseren Konkurrenten. Sein Nachfolger, der ehemalige Fiat-Manager Luca de Meo (45), bringt als Empfehlung immerhin nicht nur die gelungene Marktpositionierung des Fiat 500 mit, sondern zudem die vielfach gerühmte Einführungskampagne für den VW „Up“. Für VW ist er seit 2005 als Leiter des Marketings tätig. Die Zahlen, die Peter Schwarzenbauer ins Audi-Buch geschrieben hat, können indes kaum der Grund sein, um nach einem neuen Marketing- und Vertriebschef Ausschau zu halten. Eher schon die Scharmützel, die er mit der Konzernführung in Wolfsburg ausgefochten hat. Die „schlechte Chemie“ zwischen ihm und dem VW-Vorstandsmitglied Christian Klingler, die unterschiedlichen Ansichten in Sachen Zentralisierung der Vertriebsstrategien, waren wohl der Grund für Schwarzenbauers Abgang. Das jedenfalls vermuten Insider. Auch die Werbung, mit der Audi Marke und Image zu festigen sucht, hat sicherlich schon bessere Zeiten gesehen.

Wirklich erklären indes will Rupert Stadler den Wechsel an der Spitze dieses so wichtigen Ressorts offenbar nicht. „Als Vertriebsvorstand hat Peter Schwarzenbauer die Auslieferungen der­art gesteigert, dass wir unser Ziel von 1,5 Millionen Autos pro Jahr wohl früher als 2015 erreichen werden. Das ist eine Glanzleistung. Mit seinen Mitarbeitern hat er die Marke Audi deutlich geschärft und unsere Vertriebsstrukturen vor allem in China, Europa und den USA ausgebaut.“ Peter Schwarzenbauer verlasse das Unternehmen und werde sich beruflich neu orientieren, heißt es lapidar. „Wir wollen in bestehenden Märkten wachsen und in neue expandieren. Denn unser Ziel für 2020 steht: die Strahlkraft der führenden Premiummarke und zwei Millionen Auslieferungen pro Jahr“, so Stadler in einem Brief an die Mitarbeiter, bei denen Schwarzenbauer hoch geschätzt war.

Einzig der dritte im Bunde, Einkaufschef Ulf Berkenhagen, bleibt dem Konzern erhalten. Er wechselt in gleicher Position zu MAN und soll dort mit dem gemeinsamen Einkauf für MAN und Scania neues Einsparpotenzial erschließen. Diese Personalie ist auch seit weit über einem Jahr bekannt und deswegen keinerlei Überraschung. Für ihn zieht VW-Mann Bernd Martens (46) in den Vorstand von Audi ein. Für Rupert Stadler selbst könnte eine ganz andere Personalie von Belang werden, eine, die nicht unmittelbar mit Audi zu tun hat. Martin Winterkorn hat den als „Kronprinz“ gehandelten Karl-Thomas Neumann, bislang China-Chef des Konzerns, aus der Verantwortung genommen. Dadurch könnte Rupert Stadler, viele Jahre geschätzter Büroleiter von Ferdinand Piëch, in die Pole Position gerutscht sein, wenn es 2016 um die Nachfolge von Martin Winterkorn geht.


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